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Lebenslinie J.

Bereits mit vierzehn Jahren war mir klar, dass ich auf Männer stehe. Erst mit meinem Coming out gegenüber meiner Mutter mit 18 Jahren erfuhr ich von meinem Zwillingsbruder, dass auch er auf Männer steht. Trotz dieser Erkenntnis hatte ich bis zu meinem 21 Lebensjahr mehrere Beziehungen zu Frauen, um „es mir doch noch zu beweisen“. Erst mit 22 hatte ich meinen ersten Freund und mein Coming out startete durch und dauert immer noch an.

 

Mit der Freundschaft zu einem lesbischen Pärchen entstand über mehrere Jahre die Idee ein gemeinsames Kind haben zu wollen. Ich hatte zwar einen Kinderwunsch aber nicht besonders zwingend. Nach einem mehrmonatigen Auslandsaufenthalt wurde mir deutlich, dass ich mein Leben zusammen mit diesen beiden Frauen gestalten wollte. Als klar war, welche von den beiden Frauen Mutter werden wollte, zogen wir zusammen und nach einigem „Probieren“ kam unser Sohn dann im Oktober 96 zur Welt.

 

Mein gleichzeitiger Wunsch nach einem Partner traf drei Jahre später ein. Damals waren wir dabei ein zweites Kind bekommen zu wollen. Letztendlich entschied ich mich gegen das zweite Kind und zog aus. Diesen Schritt habe ich trotz Trennung von meinem Freund nach fünf Jahren nicht bereut. Meinen Sohn sehe ich zwei bis drei Mal pro Woche. Ich bin durch die räumliche Nähe eher ein Alltags- als ein Wochenendvater. Auch verbindet mich immer noch eine intensive Freundschaft mit der Mutter. Mein Sohn hat meinen Freund mitbekommen und wusste, dass wir ein Paar waren. Trotzdem wünschte er sich immer Geschwister und dass seine Mutter und ich wieder zusammenleben. Meine kurzfristigen Bekanntschaften bekommt er durch das Leben in verschiedenen Wohnungen nicht mit und soll er auch nicht. Mein Schwul-sein ist nur sehr selten Thema zwischen uns. Wenn er Fragen hat, versuche ich sie möglichst altersgerecht zu beantworten. Allerdings dränge ich mich auch nicht auf.

 

Auch ansonsten gehe ich mit meiner Homosexualität recht offen um. An meinem Arbeitsplatz im Krankenhaus wissen alle von meiner sexuellen Orientierung, was ich als etwas sehr entlastendes erlebe.

(Aufgeschrieben im Dez. 2005)