Download Flyer

Flyer_Vaeter_Cover

Lebenslinie D.

Der erste Schritt

 

Ich bin Mitte 40, seit vielen Jahren verheiratet, habe zwei Kinder im beginnenden Pubertätsalter und bin -soweit man das sagen kann- erfolgreich im Beruf. Das Leben hat es gut mit mir gemeint. Eigentlich ein makelloses Bild, wenn da nicht noch eine andere Seite in mir wäre. Die kannte nur ich. Ich merkte schon sehr früh während meiner Pubertät, dass ich irgendwie anders war. Ich war schockiert, als ich mir dann endlich bewusst wurde, dass ich wohl schwul bin. Aufgrund meines konservativen Elternhauses und der konservativ ländlichen Umgebung, in der ich aufwuchs, war dies ein absolut unakzeptabler Zustand. Und ich negierte komplett mein Anderssein. Ich wollte so sein, wie alle anderen und ja nicht auffallen. Ich lernte, mich so anzupassen und mich zu verhalten wie ein normaler Mann. Ich fühlte mich auch so. Über viele Jahre hinweg errichtete ich somit eine unsichtbare Mauer. Sie war so stark und hoch, dass meine erlernte Normalitaet normal fuer mich wurde. Später lernte ich meine Frau kennen und lieben, wir heirateten, bauten uns eine solide Existenz auf und wir bekamen unsere Kinder. Ich stürzte mich in sehr viel Arbeit, die mir wohl half, mein von Zeit zu Zeit aufflackerndes Verlangen nach dem gleichen Geschlecht zu betäuben. So fühlte ich mich wohl, mein Leben war geordnet, und ich wusste, mit mir umzugehen.

 

Doch vor einigen Jahren traf ich einen jüngeren Mann. Wir sahen uns des öfteren, unterhielten uns viel, verstanden uns sehr gut. Wir mochten uns. Mein inneres Mauerwerk war allerdings so stark, dass ich anfangs die eindeutigen Signale des Mannes nicht klar zu deuten wusste. Aber ich spürte, es veränderte sich etwas in mir. Noch verstand ich es, meine im Inneren brodelnden Gefühle zu kontrollieren. Erst nach mehreren Monaten bröckelten meine Mauern und brachen schließlich ein. Ich erlebte ein Gefühlsfeuer, dass ich bis dahin nie erlebt hatte. Wenn ich noch eines Beweises bedurfte, so hatte ich ihn jetzt. Er, ein Single, nahm auf mich und meine familiäre Situation Rücksicht, so dass unsere Beziehung unentdeckt blieb.

 

Aufgrund beruflicher Veränderungen mussten wir uns trennen. Ich war vorerst erleichtert, da ich glaubte, damit wieder meine ?Normalität“ zurück erlangen zu können.

 

Doch das war ein Trugschluss. Mein Gefühlsleben bekam ich nicht mehr in Griff. Ich hatte aber niemanden, mit dem ich mich mitteilen konnte. Ich wusste, dass ich das nicht allzu lange alleine schaffen würde.

 

Per Zufall stieß ich im Internet auf die Homepage der Schwulen Väter. Ich wurde neugierig. Ich wäre gerne zu dem monatlichen Treffen im Switchboard gegangen, doch ich kannte niemanden und traute mich auch nicht. Nach einigen Wochen endlich entschloss ich mich, Kontakt aufzunehmen und schrieb an die auf der Homepage erwähnte Adresse. Ich bekam umgehend eine Antwort, die mir das Gefühl gab, dass ich in dieser Gruppe Hilfe finden würde, ohne einem Zwang zu unterliegen. Ich vereinbarte erst einmal ein persönliches Gespräch mit Andreas, einem der Gründerväter dieser Gruppe. Er gab mir soviel Zuversicht und Mut, so dass ich tatsächlich zum nächsten Monatstreffen der Väter ging. Es war ganz einfach. All meine Befürchtungen des Erkanntwerdens zerstreuten sich. Ich wurde freundlich empfangen. In Gesprächen lernte ich, dass es vielen anderen ähnlich wie mir ging oder ergangen war. Mein wahres Ich wurde plötzlich zur Normalität in diesem Kreis. Das tat gut.

 

Ermuntert von dieser ersten Begegnung weiß ich, dass ich wieder kommen werde. Ich weiß zwar nicht, wo mich dieser Weg hinführen wird, doch jetzt habe ich die Zuversicht, dass ich auf diesem Weg nicht allein sein werde.